Mit dem bisher einzigartigen Stipendium für Kulinarik wird seit 2017 sowohl ausgebildeten KöchInnen, als auch denjenigen, die das Kochen für sich als Kunstform entdeckt haben die Möglichkeit gegeben, sich über einen Zeitraum von drei Monaten ganz auf ihre Kochkunst zu konzentrieren und an einem selbst gewählten kulinarischen Thema zu forschen und zu experimentieren. Traditionelle als auch neue Rezepte und Zubereitungsarten, alte, fast vergessene Küchenweisheiten und Geschichten rund um die Lebensmittelerzeugung, -Verarbeitung und Zubereitung in der Region Uckermark sollen dabei aufgespürt werden und als Inspiration in die eigene Kochkunst einfließen. Ein direkter Bezug des eigenen kulinarischen Forschungsthemas zur Region und der lokalen ErzeugerInnengemeinschaft ist dabei ausdrücklich erwünscht.

Die erarbeiteten Rezepte, Erfahrungen und Geschichten der StipendiatInnen werden monatlich im Rahmen von „Langen Tafeln“ erfahrbar gemacht und geteilt. Die „Langen Tafeln“ werden in Abstimmung mit den jeweiligen Themenschwerpunkten der StipendiatInnen durch Workshops, Filmvorführungen oder Vorträge ergänzt. Zu jedem Stipendium erscheint außerdem eine Publikation, die Teil des Libken Archivs wird.
Stipendium 2019

Vielen Dank für die tollen und einzigartigen Bewerbungen für das Kulinarikstipenium, wir waren beeindruckt von der Vielfalt der Auseinandersetzungen und haben uns nun entschieden.

Wir freuen uns riesig die neue Kulinarikstipediatin bekannt zu geben:
Paula Erstmann, sie wird von Juli bis September in Libken sein.


Termine "Lange Tafeln" 2019

  • 20. Juli 2019
  • 24. August 2019
  • 29. September 2019 (Terminänderung)

Ihr wollt gerne teilnehmen?

Anmeldungen zu den Langen Tafeln sind ab 2 Wochen vor den jeweiligen Terminen möglich, da wir dann wissen was gekocht wird, für wie viele Leute Platz sein und was es dann kosten wird. Wir freuen uns auf euch!
Anmeldung unter anmeldung@libken.de
„Paula Erstmann ist Foodpoetin, Rezeptbefreierin und Amuse-Gueule-Avantgardistin. Ihre Performances, Menüs und Essens-Installationen verhandeln die gesellschaftlichen Kontexte der verwendeten Nahrungsmittel und deren charakteristische Eigenschaften. Sie sind künstlerische Forschungsarbeiten und verorten sich an der Schnittstelle zwischen Kunst und Alltäglichem. Die kulinarischen Arbeiten eröffnen sinnliche als auch soziale Räume. Vor allem aber regen sie dazu an, Essen (und dessen Präsentation) als ästhetisches und resonantes Kommunikationsmedium wahrzunehmen – und es in seinen Möglichkeiten neu zu denken. Paula Erstmanns Medium ist das Essen, so wie es für die Malerei die Farbe, die Bühne das Licht oder das Sprechtheater der Text sein kann.“
(Tabea Venrath über Paula Erstmann)


Als Stipendiatin werde ich im Sommer 2019 die Gelegenheit haben, in der Uckermark kulinarisch zu experimentieren, zu spielen und zu forschen. An der Hochschule für bildende Künste (HFBK) Hamburg studierte ich mit dem Schwerpunkt Grafik in der Klasse von Ingo Offermanns. Dort beschäftige ich mich vor allem mit dem Thema „Essen als Kommunikationsmedium“ und habe dazu 2016 meinen Abschluss gemacht. Seither sind zahlreiche Arbeiten, in denen Essen im Spannungsverhältnis zwischen alltäglicher Zusammenkunft und eigenständiger künstlerischer Position präsentiert und erfahrbar gemacht wurde, entstanden.

Brotbouquets und Brotskulpturen. Darjeeling-Sirup. Feuerzeug-Lollies mit Knisterzucker. In Silikon gegossene Sülzobjekte und Salzhügel. Knochenessenzen. Liebesäpfel. Estragonshots. Backkartoffeln in Lehmhüllen neben gebeizten Eigelben. Archivierbares Essen. Weinspringbrunnen. Knäckebrotaufschichtungen. Dillschnaps-Reichung zu Saure-Gurken-Hot-Dogs.

Das alles sind einige Bestandteile bisheriger Essens-Szenarien, in denen die Zuschauer*innen zu beteiligten Akteur*innen wurden. Zum Beispiel im ethnologischen Museum Hamburg (MARKK), dem Museum Folkwang Essen, der Galerie Genscher (Hamburg), den Art-Off-Spaces Benzene (Hamburg) und Strizzi (Köln). Oft steht bei mir das Essen selbst als flüchtige Kunst im Zentrum der Aufmerksamkeit, oder aber es reagiert als Kommunikationsmedium auf die Positionen anderer Künstler*innen. So eröffnet es neue sinnliche Werkzugänge. Darüber hinaus soll es Gemeinschaft schaffen, Begegnung ermöglichen und Grenzen überwinden. Mit meiner Kunst knüpfe ich an die von Nicolas Bourriaud begründete „Relationale Ästhetik“ an. Mein Interesse gilt also Kunstprojekten, die im klassischen Sinne keine Kunstwerke, Gemälde, Skulpturen oder Videoinstallationen sind – sondern Treffen, Rendezvous, Demonstrationen, verschiedene Typen von Zusammenarbeit zwischen Personen oder Spiele, Feste und Orte der Geselligkeit sind.

Von 2017 bis 2018 betreute ich außerdem die „comune“, einen soziokulturellen Projektraum mit Küche im Gängeviertel Hamburg. Dort initiierte und realisierte ich unterschiedliche Food-Formate, wie den „montagsclub“ (einen wöchentlichen Mittagstisch aus Essens-Spenden), die „interkulturelle Küche“ (Kochen mit Menschen mit Migrationshintergrund) und die erste „Hamburger Tortenakademie“.

Während meines Sommers in Gerswalde werde ich an meiner künstlerischen Position weiterarbeiten. Mich interessiert dabei: Wie können performative Gesten aus alltäglichen Essens-Ritualen herausgearbeitet und in etwas Neues übersetzt werden? Außerdem werde ich mich experimentell mit Methoden der Archivierung, also der Haltbarmachung von Lebensmitteln (Pökeln, Räuchern, Trocknen, Einkochen, Fermentieren, Einlegen) auseinandersetzen. Da ich mit meiner Arbeit stets auf Vorgefundenes reagiere, bin ich gespannt mich auf den Ort einzulassen. Meine Neugier gilt Begegnungen und Geschmäckern, die mir hier über den Weg laufen werden.